Sankt Petersburg 1998
1. Juni
Die Sonne ist heute wie ein Vogel am Himmel vorübergeflogen und wurde am Nachmittag von Wolkenwölfen überrascht und verschlungen. Das soll soviel heißen wie: Der Tag war kurz, am Anfang schön, zum Ende verregnet und naß. Jetzt ist eigentlich schon der 2. Juni und schon so spät, daß ich morgen weiterschreibe. Oder?
Was heute alles passiert ist:
- Ich bin um zehn Uhr, beinahe pünktlich, im Büro des DRA in der Малая Конюшенная 5 gewesen, in der Hoffnung, daß ich endlich meinen Praktikumsplatz in der Ermitage zu Gesicht bekomme.
- Nichts dergleichen ist geschehen. Ich werde ihn morgen, d.h. heute zu sehen bekommen.
- Mir wurde eine Art ABM zugewiesen: Ich durfte telefonieren.
Der DRA, in seiner Besessenheit nach Teamgeist, Zeitgeist und organisatorischer Genauigkeit hat vor, eine zwei oder drei Jahre alte Broschüre Kind in Gefahr neu aufzulegen. Meine Aufgabe war es, möglichst viele Nummern aus der alten Broschüre anzurufen und nachzufragen, ob die gesellschaftlich-nützlichen Organisationen, die Waisen- und Kinderhäuser, sozialen, psychologischen und medizinischen Beratungsstellen usw. noch unter den alten Adressen bzw. Telefonnummern zu erreichen sind. Zwei Telefonate haben mich beeindruckt.
Telefonat Nr. 1:
"Hallo, spreche ich da mit dem Kinderhaus Озерки?"
"Jaja, das tun Sie. Wir haben bloß keine Kinder mehr hier. Wir sind jetzt ein Erholungsheim für Studenten der geisteswissenschaftlichen Institute in Sankt Petersburg."
"Hm, interessant. Wissen Sie, ich heiße Alexander Sieg und rufe vom Deutsch-Russischen Austausch an. Wir erstellen gerade eine Broschüre Kind in Gefahr. Ich brauche die neue Anschrift und die neue Telefonnummer des Kinderhauses Озерки."
"Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß wir hier keine Kinder mehr haben. Übrigens, mit der Broschüre - das ist doch eine zwecklose Sache. Wer liest denn so etwas? Das sind doch tote Buchstaben, die keinem Menschen helfen können, und schon gar nicht Kindern in Not. Glauben Sie, daß gerade diese Kinder, ich rede von Straßenkindern, eine solche Broschüre lesen werden? Nein! Und warum nicht? Weil alles nur auf das Geld hinausläuft..."
"Wie denn das? Was meinen Sie damit?"
"Natürlich wollen auch diese Kinderhäuser, Fluchtorte, und wie sich diese Einrichtungen nicht bloß nennen, in Wirklichkeit nur Geld abzocken und glauben Sie tatsächlich, daß sich die Kinder oder die jungen Leute von heute so leicht einen Bären aufbinden lassen? Nein, nein, da können Sie mir nichts erzählen. Von wegen Broschüre Kinder in Not. Kennen Sie Wassili Petrowski?"
"Nein, kenne ich nicht."
"Das ist der Mensch, der fünfzig Jahre nackt durch die Wälder gezogen ist, und er hat nicht nur die guten Seiten der Natur erlebt, sondern auch die anderen, die schlechten. Alles hat er an seiner eigenen Haut erlebt. Und wissen Sie, irgendwann hat er Jesus Christus, den Erlöser persönlich getroffen, der ihn von allen Wunden und Krankheiten geheilt und befreit hat. Und dieser Wassili Petrowski verfügt über wundertätige Talente, die ihm von Jesus Christus, dem Herrn, geschenkt wurden. Wenn Sie mich fragen, kann nur allein Christus helfen und keine Broschüre. Das sind tote Druckbuchstaben."
"Und was ist mit der Bibel? Auch sie ist doch geschrieben."
"Die Bibel ist etwas völlig anderes. Sie ist ein heiliges Buch. Sie ist Gottes Gesetz. Sie ist nicht tot."
"Ja gut, trotzdem, Sie wissen nicht zufällig, ob das Kinderhaus umgezogen ist, einen anderen Namen, eine andere Adresse und eine neue Telefonnummer hat?"
"Nein, das Kinderhaus gibt es nicht mehr. Nur noch das Erholungsheim Озерки. Kommen Sie doch mal vorbei."
"Hm, ich überleg's mir. Danke. Alles Gute!"
"Alles Gute!"
Das zweite Telefonat lief etwa so ab: Ich rufe an, jemand nimmt den Hörer ab. Ein Mann redet am anderen Ende der Leitung auf das Telefon ein.
"Hallo?"
"... da hättest du dir lieber einen Regenschirm kaufen sollen. Hahaha..."
"?"
"... jaja mit dem Abfluß - da müssen wir uns noch etwas einfallen lassen. Ich rufe später bei Maksim an ..."
"Hallo?"
"Hallo!?"
"Guten Tag, bin ich dort richtig im Kinderhaus Kind in Not?"
"Nein! —"
Der Mann hat aufgelegt. Ich wähle die Nummer erneut.
"Hallo?"
"Hören Sie, ich rufe von der Gesellschaft Deutsch-Russischer Austausch an und wollte wissen, ob das Kinderhaus Kind in Not noch unter dieser Nummer zu erreichen ist. Ich heiße Alexander Sieg..."
"Leute, ihr wißt genau, daß diese Nummer für euch tabu ist. Also legt wieder auf."
"Nein, nein. Ich bin Alexander Sieg, und der Deutsch-Russische Austausch möchte eine neue Broschüre Kind in Gefahr erstellen. Ich brauche deswegen die neue Telefonnummer des Kinderhauses."
"Ach macht doch keine Witze! Dieser Anschluß ist für wichtige Gespräche vorgesehen ..."
"Ich scherze nicht. Geben Sie mir bitte die neue Nummer."
"Naja, ich glaube, es reicht jetzt. —"