Wildes Kind

Gedeckt ist der Tisch, dessen Gäste
sich noch nicht gefunden haben.
Und lauscht der Vorhang der Musik
des lauen, wundervollen Abends?

Ist es nicht wahr, daß sie sich laben
daran, woran sich alle Hirten labten?
Oh, kamst du nieder vor dem Leben,
dessen Ohnmacht, dir geschenkt, still ermattet.

Gleichen sie nicht den offenen Händen
deines Kindes, denn es ist doch deins?
Reiche du herab das schwere Schiff,
daß wie im Schlaf die Segel strafft

Und sie am Tisch begleitet unter
salbungsvollen Tönen und sie stillt.
An deiner Brust liegt eine kleine Hand,
und ihre Finger streichen sanft

Die Haut des Vogels mit den Meeresaugen,
und in dem blauen Klee der kalten Arme
errichtest du die Höhe, die eine
Aussicht auf die Küste schafft,

Von wo aus sie die Winde hören können.
Das lange Atmen der großen Schwärme.


Daran sie sich gewöhnen müssen.
Kreuz an die alte Wand genagelt, deren
Bretter keine Stütze für Kunst sind.


Berlin Prenzlauer Berg, 1998