Gefangene Taube
So weich sich deine Wolken auf mein linkisches
Gesicht legen, ach, Taube,
laß mich nicht so einsam hier zurück,
wo es kalt, dunkel und still ist.
Wenn die Sonne durch dein samtenes Federkleid
sticht und ihre Strahlen wie ein seltsamer
Vorbote der neuerwachenden Kindheit in meine
Seele wandern, steht der Atem der Welt still
und hört auf die Musik, die langsam,
gleich einer angeschlagenen Saite,
den Eroberer sich besinnen,
die Gefangenen aufatmen läßt.
Ach, Taube, was glaubst du,
in wie vielen Träumen ich dich ersehnt habe?
Du warst Befreierin, Retterin, das Tier
mit weißen Flügeln und Augen,
die dem sonst so unendlichen Ozean zulächelten
und ihn wissen ließen, daß du ihn kennst.
Den Unglücklichen aus der Geschichte
brachtest du den Zweig der Hoffnung, der Barmherzigkeit,
so daß sie voller Zuversicht
dem Ende der Sintflut entgegensahen.
So bitte ich dich mein Begleiter zu sein.
Ich verspreche dir nichts,
ich erwarte auch nichts,
nimm nur, nimm meine Seele,
dann fliege,
dann geb' ich dich frei.
Berlin Prenzlauer Berg, 1996