Apokalypse I
Glanzvoll trieb die Nacht heraus
Eine Hand voll Auserwählter,
Die im Licht des Ruhmes standen,
Weich und sanft noch aufwärtslächelnd.
Auf der Bühne, auf den Brettern,
Hartes Lager für die Krieger,
Die sonst Tod in Betten fanden,
Hergerichtet, zitternd, funkelnd.
Schwäche ist genügend hier,
Liebend grüßt mein Herz Erfolg.
Schergen dunkler Nacht, willkommen,
Ihr seid meiner Seele Trost,
Heiß umarmt der Mütter Müh'n,
Zieht hinfort, zerreißt das Band,
Das dort zwischen uns bestand.
Ruht nicht, Kanoniere, schießt,
Fegt davon, ihr Reiterhorden,
Steht nicht still, Infanteristen,
Setzt die Segel, Meeresmänner!
Ja, ihr alle, hört jetzt her:
Diese Nacht ist euch geschenkt,
Diese Nacht, nur diese kurze.
Greift sie euch am schwarzen Schopfe,
Werft sie nieder, stolzes Pack.
Soll sie schrei'n, sich jammernd winden,
Euer ist sie, ihr seid Fürsten,
Könnt sie quälen und zerschinden,
Ihren letzten Tropfen trinken.
Werdet Tiere, freßt und sauft,
Kauft euch Frauen oder nehmt sie,
Seid wie Teufel, krönt den Satan,
Ist er doch der stärk're Gott.
Und ihr werdet seh'n, daß jedes
Morgengrau'n ein schwarzes ist,
Daß die Nacht sich endlos biegt,
Angst und Blut die Lüfte füllt.
So die dunkle Welle aufsteht, und dem Ufer
Wie ein schwerer Vorhang zustrebt,
Wie ein Vogelschwarm macht den Tag der Stadt
Sie zur Nacht des Lands.
Wenn dann alles in den schwarzen,
Letzten Schlund gefallen ist,
Und das kleinste Licht, das war,
Zu eiskaltem Teer verlöscht,
Und die Höllenkrieger selbst
Taub, stumm, blind im Dustern tappen,
Blutumwölkt nach Sonne schnappen,
Ja, was dann?
Ist nicht ein Ende und ein Anfang es zugleich?
So hebt alsbald ein Heulen an,
Und tiefgekränkt hört auf ein Fluß zu fließen:
"Ein Schwein als Schein erscheint mir gleich
Dem Schwein als Sein - genug, es reicht!"
Dann setzt der Fluß sein Fließen fort.
Er fließt entlang an Massengräbern,
Geöffnet, quillt ein Saft heraus,
Der dunkel färbt das klare Naß.
Den Grund bedeckt mit Dreck und Würmern.
An einem Ort geh'n welche baden,
Doch sind sie blind und sehen nicht,
Was dieses Bad ihnen verspricht -
Entfleischt, blank, weiß ist ihr Gesicht.
Und weiter noch den Fluß hinab
Sieht dann der Fährmann neues Graun'n.
Ihm ist's, als wenn's zu Ende geht,
"Nur fort, weg, weg!" schreit er und holt
Weit mit dem langen Ruder aus.
"Seht dort, da flieht einer"
So ruft's vom Land zum Wasser hin.
"Laß ihm noch die paar Stunden hier,
Denn weiter vorn, der Katarakt,
Wird ihn ertränken,
Sein Boot versenken.
Das ist gewiß!"
"Wasser, grüner Riese, schwarze Nacht,
Du bist mein Wächter, meine Kraft.
Ich bin dein Licht,
Siehst du mich nicht?"
Und das Gebet des Fährenmanns
Ging unter in den grauen Massen,
Die eilend zu ihm niederkamen,
Ihn küßten und umarmten. Faßten
Sie ihn doch am Kopf und drehten,
Bis ihm schwindlig wurde,
Helles Licht, wie eine Freundin,
Forderte ihn auf zum Tanz.
Vornübergebeugt sah ein Felsen hinab
und hörte nicht auf zu weinen,
wo über ihm das schwarze Himmelszelt
bald heller, errötend vor Scham über die Nacht,
bald klarer, wie Freude und Hoffnung des Tags,
bald freier, doch ängstlicher wurde.
Berlin Prenzlauer Berg, 1996