Spaziergang im Wind
Den Weg entlanglaufend, sich ab und zu bückend, Steine aufhebend, Pflanzen betrachtend, fühlte sie sich aber trotzdem noch nicht besser als gestern, da sie mit R. ein Treffen gehabt hatte und bis jetzt immer noch darüber nachdenken mußte. Der Wind blies ihr in den Rücken, so daß ihr Haar ihr Gesicht verdeckte. Sie schaute nach rechts und sah einen Wald, der gleich am Wegesrand begann. Sie schaute nach links und sah ein Feld mit Getreide. Dieses Feld schien sich bis zum Horizont hin zu erstrecken. Wolken. Viele zerrissene Wolken zogen über sie hinweg. Der Wind ließ nicht nach, er stützte sie in ihrem Gang. Sie konnte sich von ihm schieben lassen. Es gefiel ihr, machte ihr Spaß. Der Wind blies weiter, konnte aber nicht mit ihr spielen, denn dazu war er zu schwach...
Wenn sie den Weg, diesen staubigen, mit grobem Schotter befestigt geglaubten Weg entlangsah, konnte sie in der Ferne auch nichts weiter als ihn selbst, das Feld und den Wald, die alle drei in einem Punkt zusammenzulaufen schienen, erkennen. Sie wurde aber ihres Ganges wunderbarerweise nicht müde. Es schien ihr, als könnte sie noch eine sehr lange Zeit so weiterlaufen, ohne je zu ermüden, Hunger oder Durst zu bekommen. Doch sie wußte, daß sie irgendwann andere Bedürfnisse bekommen würde, daß sie dann auch gern etwas zu essen und zu trinken hätte oder daß sie sich dann vielleicht auch hinlegen und schlafen möchte. Sie konnte sich das in dem Moment, als sie so den Weg entlangging nicht richtig vorstellen, aber aus ihrer Erfahrung heraus war es ihr auch gewiß, daß dieser Zustand eintreffen wird, wo sie stillstehen muß, um Zeit für etwas anderes zu haben. Jedoch glaubte sie auch gleichzeitig an das Gegenteil; daß sie es ohne Hilfe von außen schaffen würde, diesen Weg ohne eine Pause entlangzulaufen. Sie glaubte fest daran, obwohl sie wußte, daß es sicherlich unmöglich sein würde, dieses zu schaffen.
Dann drehte der Wind, und er begann, ihr direkt in das Gesicht zu blasen. Ihre Haare verfingen sich nun ineinander hinter ihrem Kopf. Sie mußte ihre Augen sehr stark zusammenkneifen, damit kein Staub ihre Sicht trübt. Sie begann, kleinere Schritte zu machen, denn als sie den Wind noch im Rücken hatte, schritt sie weit aus, selbstsicher und zielbewußt. Jetzt kämpfte sie gegen ihn an. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, doch ihr blieb letztendlich keine andere Wahl, als stehenzubleiben, sich in den Staub zu setzen und zu weinen.
Berlin Hohenschönhausen, 1993