Iwan Krylow
Iwan Krylow drehte und wendete sich in seinem kalten Bett. Es war bereits früher Morgen, und er hatte die ganze Nacht hindurch wach
dagelegen und war von seinem Schlaf abgelenkt gewesen durch die furchtbarsten Gedanken, die ihn quälten, ja regelrecht folterten
und ihm keine Handbreit Ruhe ließen. Er stand auf und trat an das Fenster, um wenigstens seinen Augen jenen erqulicklichen Trost
zu bieten, den das nächtliche Bild einer Stadt zu geben im Stande war. Am Himmel stand der kahle Fleck des Mondes und schüttete sein
weißes Licht über die Häuser aus, die wie gespenstische Überreste einer untergegangenen Zivilisation ihre Schornsteine in die Finsternis
streckten und mit ihnen zu drohen schienen. Doch auch das brachte keine Ruhe in sein Zimmer, das ihm wie ein Zirkus von abscheulichen
Traumgestalten, die nur zum Ziel hatten, ihn zu verspotten und höhnische Grimassen zu ziehen, vorkam. Er öffnete das Fenster und ließ
frische Luft herein, in der Hoffnung, daß sie all den Kobolden und Ungeheuern den Garaus machen würde. Doch ohne Erfolg.
Am Abend zuvor hatte sich Iwan mit seinem Freund Markus getroffen und ein langes Gespräch mit ihm geführt, doch es war ein
Gespräch ohne Boden, alles fiel in ein Loch, aus dem irgendwie schwerlich wieder etwas herauszuholen war. Sie saßen beide auf einer
Couch in einem Café namen C. und rauchten viel. Keiner von beiden hatte den Mut oder eher die Vorstellung, wie das Gespräch auf den
eigentlich wichtigen Umstand zu lenken war, der darin bestanden hätte, daß ihre Freundschaft auf ein skandalöses Ende zusteuerte.
Sie sprachen darüber, womit sie sich gerade beschäftigten, was beide nur halb so viel interessierte, wie es früher der Fall war.
Desweiteren erzählten sie sich den neuesten Klatsch über alte Schulkameraden und Mädchen aus der Schule, die jetzt schon erwachsene
Frauen waren, auch das war nur ein Viertel so interessant wie sonst. Sie stichelten sich wieder gegenseitig, wobei das Verständnis
für Humor mehr und mehr zu einem Gefühl des Verletztwerdens überwechselte und auf Iwans Seite einen großen Berg unverdauter
Beleidigungen hinterließ, der ihm jetzt keine Ruhe zu gönnen schien.
Ja, es war offensichtlich, daß beide darunter litten. Einer unter der verletzenden Präsenz des anderen, und das Schlimme daran
war, daß Iwan keinen Ausweg finden konnte, so sehr er sich auch anstrengte, kam ihm keine Idee, wie man den jetzigen Zustand ihrer
gegenseitigen Ablehnung ändern könnte.
Berlin Prenzlauer Berg, 1996