Felix Güte
Auf den Stufen des Hausaufganges zu ihrer Wohnung saß Klara Güte und wartete auf Felix, den sie am gestrigen Tage telefonisch erreicht und über eine Kaution freigekauft hatte.
Im Gefängnis I
Selbst wenn er sich einreden würde, daß es nicht von Bedeutung für ihn ist, wie die Sache mit dem Straßenbahnunfall eigentlich
angefangen hat, wo ihre tieferen Ursachen liegen und wie es dann zu dem unvorhergesehenen Anfall auf den Gleisen kam, wäre sie für Klara
ein äußerst bedenkliches Zeichen, das ihr Vertrauen in ihn vielleicht stark ins Wanken bringen könnte. Hier, in der Zelle mit den anderen
Gefangenen hätte er genügend Zeit, sich über seine weiteren Schritte Gedanken zu machen, insbesondere was er Klara erzählen würde und wie
glaubwürdig er ihr den Vorfall schildern könnte, ohne sich selbst dabei ungewollt in ein Licht zu stellen, welches aus ihm einen nervlich
Kranken machte.
Die meisten, es waren vielleicht sechs weitere Delinquenten, schliefen in gekrümmter Haltung, den Rücken an die Wand gepreßt, den
Kopf auf die über den angezogenen Knien verschränkten Arme gelegt. Nur einer oder zwei saßen da, zwar ebenfalls hingehockt oder
zusammengekauert, doch schauten sie unentwegt auf einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand. Ihr Blick war glasig oder trübe, je nachdem, was ihnen für Gedanken durch den Kopf zu gehen schienen. Jedenfalls wirkten sie nicht nüchtern. Einer der scheinbar Schlafenden hatte
einen kahlrasierten Schädel mit einem darauf tätowierten Spinnennetz, das sich bis auf den Nacken hinzog und unter dem Kragen einer
schwarzen Bomberjacke, dort, wo es dunkel wurde, wahrscheinlich weiter auf den Rücken ausdehnte. Er trug Sportschuhe und eine blaue
Jeanshose, die mit großen weißen Stonewashedflecken verziert und an den Knien fadenscheinig war. Ein anderer, ein sehr junger Mann mit
sogenanntem gepflegtem Äußeren, worunter man zwar alles Mögliche verstehen konnte, doch bei ihm war dieser Begriff geradezu ein Merkmal
seiner Persönlichkeit, saß in der gleichen Haltung da und wurde zeitweilig von heftigem Schütteln ergriffen, und man hörte zugleich ein
unterdrücktes Schluchzen wie aus einem dickwandigen Faß. Er hatte sauber geschnittenes und gestyltes schwarzes Haar. An den Händen konnte
man den dunkleren Teint seiner Haut wahrnehmen und ihn bei vorschnellem Urteil als ursprünglich Südländer ansehen. Aus einer Ecke hörte man
ein Husten, das entweder eine ernst zu nehmende Lungenerkrankung oder den jahrelangen Kettenraucher verriet, der dort vielleicht vergeblich
um Schlaf kämpfte. An der Decke war eine Leuchtstoffröhre befestigt, von der ein widerwärtiges zermürbendes Surren ausging. Wenn es eine
wärmere Jahreszeit gewesen wäre, hätten sich darum schlaflose Insekten geschart, angelockt von dem grellen Licht und dem unüberhörbaren
Balzruf des der Biologie bislang unbekannten Wesens.
Robert K.
Klara Güte war inzwischen nach Hause gekommen und gerade damit beschäftigt, ihre Wohnungstür aufzuschließen, als sie einen kleinen Zettel, zwischen Tür und Rahmen geklemmt, bemerkte. Sie stockte, zog ihn heraus, entfaltete das Papier und las:
Liebe Klara,
Sie sind heute so schnell vom Bahnhof verschwunden, und nachdem ich Ihnen vorgeschlagen hatte, Sie zu Ihrer Wohnung zu fahren, so beunruhigend blaß und abweisend geworden. Ich war darüber nicht wenig überrascht, denn wir haben uns doch hervorragend unterhalten, und da ich überzeugt bin, daß Sie eine äußerst kluge und nicht nur kluge, sondern auch liebevolle Frau sind, konnte ich mir Ihren so plötzlichen Wandel nicht erklären. Ich wäre glücklich, wenn wir uns wenigstens noch ein paar Mal sehen würden, damit ich mir Ihre Züge genauestens einprägen und für immer in der Schatzkammer meines Herzens aufbewahren kann. Ich schreibe Ihnen meine Telefonnummer auf mit dem eindringlichen Flehen: Rufen Sie mich bitte an! (Telefonnummer) Selbst würde ich bei Ihnen nicht wagen anzurufen und erst recht nicht nach dem Vorgefallenen zu erscheinen, also schlagen Sie einem zerbrochenen Menschen diese kleine Gefälligkeit, um die er Sie anfleht, nicht aus!
Ihr ergebenster Robert K.
Frau Güte stand im Treppenhaus, während sie diesen Brief las, und es stieg eine sonderbare Zuneigung zu diesem Menschen in ihr auf,
die sie jedoch sofort bemerkte und sich ihr verschloß, indem sie Wut auf und Angst vor Herrn K. gleichzeitig in ihrer Seele
heraufbeschwor. Es war ihr unbegreiflich, wie dieser es geschafft hatte, in der kurzen Zeit, die sie vom Bahnhof hierher gebraucht
hatte, ihre Adresse auszukundschaften, herzufahren, den Brief zu schreiben und wieder zu verschwinden. Vielleicht besaß er aber
die Anschrift schon länger? - Nein, unmöglich, woher denn? Ihre innere Stimme rief Alarm, als sie das zweite Mal ihre Wohnungstür
aufschließen wollte, aber wie sollte er denn in die Wohnung gelangt sein? Der einzige Zweitschlüssel lag bei der Nachbarin für
den seltenen Fall, daß Felix einmal allein kommen würde. Wäre es allerdings nicht trotzdem möglich, daß jener hinterlistige Psychopath
sich - wenn nicht auf diese, dann auf eine andere, undenkbare Weise Zugang verschafft hatte? Also zog sie den Schlüssel wieder
vorsichtig aus dem Schloß, blieb dann unschlüssig einen Augenblick in ihren nervösen Gedanken versunken stehen, lief dann aber mit
möglichst leisen Schritten die Treppe hinunter, wo sie, unten angekommen, kurz innehielt, um nach irgendwelchen verdächtigen Geräuschen
oder Schritten zu horchen, die ihr eine Bestätigung für ihren Rückzug und ihre Angst geliefert hätten, und als sie sich vergewissert
hatte, nichts dergleichen zu hören, trat sie etwas erleichtert, aber immer noch beunruhigt auf die Straße, wo sie der Großstadtlärm
ein wenig zerstreute. Ein paar Minuten später machte sie sich Vorwürfe, daß sie wie ein kleines Kind davongelaufen war, ohne bei
der besagten Nachbarin nachgefragt zu haben, ob sich denn jemand bei ihr gemeldet hätte, allerdings hatte sie bisher der Instinkt,
nach dem sie auch dieses Mal zweifellos gehandelt hatte, noch nie betrogen, so daß sie bald davon überzeugt war, das Richtige getan
zu haben.
Diese Erleichterung gab ihr den Mut, umzukehren, um die Nachbarin aufzusuchen. Sie hatte, ohne es zu bemerken, eine lange Strecke
zurückgelegt und war in ein abgelegenes Quartal gekommen, in dem sie sich überhaupt nicht auskannte, was ihr, obwohl sie eine eifrige
Spaziergängerin ist, um so bemerkenswerter erschien. Die Straßen waren eng, die Häuser schmutzig, Menschen selten anzutreffen, und wenn,
dann hasteten sie den Bürgersteig entlang, als ob sie von einer mächtigen Hand dazu getrieben wurden, und Klara Bedenken hatte, sie in
ihrer Eile anzuhalten, um sich nach dem Weg zu erkundigen.
Da erblickte sie eine Frau, die, an einen Torbogen gelehnt, auf jemanden zu warten schien. Ich werde sie fragen, es sieht ja aus,
als wenn sie Zeit haben würde, sagte sie sich und lief mit leichteren und schnelleren Schritten auf diese Frau zu.
Die Frau im Torbogen
Am Tor stand eine Frau mit langen roten Haaren. Der Wind blies ihr in den Rücken, gerade so, daß von Zeit zu Zeit
eine Strähne aufflackerte, wie eine züngelnde Flamme, sich allerdings, sobald der Wind wieder etwas nachließ,
über ihr Gesicht legte, was ihr ein verwegenes Aussehen gab. Sie wartete auf jemanden, der durch das Tor gegangen war
und sie gebeten hatte, ihm nicht zu folgen, denn es würde schnell gehen, er hätte nur ein paar Dinge zu erledigen,
die ihn nicht mehr als eine Viertelstunde kosten würden. Auf ihre Frage, um was es sich eigentlich handele, hatte
er mit einer ungeduldigen Handbewegung abgewehrt und gemeint, er hätte jetzt wirklich keine Zeit für Erklärungen.
Das Haus, das zu diesem Tor gehörte, war ein düsterer, grauer Bau, dessen Fassade von klobigen
Figuren und Simsen geschmückt war, die von hohen Fenstern unterbrochen wurden. An der Frau vorbei konnte man in den Hof sehen, der eine
ähnliche Atmosphäre hatte. Fast konnte es einem so scheinen, als wenn der immer in leichten Brisen wehende Wind aus
dem Torbogen seinen Ursprung in diesem Hof hatte und nicht durch einen Druckausgleich erzeugt wurde.
Sie stand jetzt schon länger als eine Viertelstunde da und wartete. Doch schien sie nicht beunruhigt oder
ungeduldig, erst recht nicht ärgerlich zu sein, nein, im Gegenteil, sie war ruhig, beinahe wirkte sie gelassen
mit einem sonderbaren Lächeln in ihren Zügen, das sich von Minute zu Minute zu verstärken schien und keineswegs
starr aufgesetzt war, wie es bei Menschen vorkommt, die nahe an der Schwelle eines übermäßigen Gefühlsausbruches
stehen. Das Lächeln beschrieb ein Wissen um etwas, was sich selten ahnen, noch seltener erkennen läßt.
Sie wußte, daß der Mann, der durch dieses Tor gegangen war, sich sofort in die zweite Etage begeben hatte, um dort
die Tür mit der Aufschrift "Für Unbefugte Zutritt verboten" aufzuschließen und von innen zu verriegeln. Sie wußte
auch, daß er dort lange bleiben würde, deswegen war es umso merkwürdiger, daß sie am Tor stehenblieb und selbst
noch lächelte. Ihr Blick haftete an einem Gegenstand auf der anderen Straßenseite. Es war ein Türknauf eines alten
Hausaufganges. Er glänzte nicht auffällig, er besaß keine außergewöhnliche Verzierung. Doch etwas Besonderes war
an ihm. Man hätte meinen können, er wäre aus Fleisch und Blut, mit Leben erfüllt, pulsierend, und warm, wenn man ihn
anfassen würde, um die Tür zu öffnen.
Aus dieser Tür trat ein Mann in einem teuren Anzug, feinen Lederschuhen, seinen Spazierstock unter die linke
Achsel geklemmt, um sich eine Zigarette anzuzünden. Ihr Blick war auf ihn übergegangen, als wenn alle fesselnde Kraft,
die der Türknauf vorher gehabt hatte, plötzlich in diesen Menschen übergegangen war und jetzt aus ihm strahlte,
obwohl er merkwürdigerweise gleichzeitig auch etwas von dem Eisen des Knaufes an sich hatte. Elegant, wie er gekleidet
war, hatte jemand ihm seine Haare geschnitten. Er besaß braune Augen und hatte die Haltung eines Ritters. Auch er lächelte
sanft, doch war seines das Lächeln der Gewohnheit. Bald spürte er ihre Augen auf sich gerichtet und drehte sich hin
zum Torbogen. Sie schaute ihn weiter fest an und lächelte, woraufhin er seine Schritte auf die Straße lenkte, hin zu ihr.
Es hupte plötzlich. Von allen Seiten kamen Autos herangefahren. Sie fuhren schnell, er war in Gefahr, wenn er sich
nicht beeilte, doch er schien den Lärm überhaupt nicht zu bemerken und setzte seinen Weg, die Zigarette in der rechten,
den Spazierstock in der linken Hand schlenkernd, gemütlich ohne Hast fort. Sie allerdings hörte das Getöse und rief ihm
angstvoll zu, wobei sie wild mit den Armen in der Luft Kreise beschrieb, Zeichen machte. Ihr Gesicht verlor sich in tausend
Ausdrücken: "Schneller, schneller! Kommen Sie, Sie sind in Gefahr, so kommen Sie doch, beeilen Sie sich! Sehen Sie
denn nicht die Autos?" Doch anstatt auf sie zu hören und sich zu beeilen, blieb er stehen, lächelte noch mehr, legte die
rechte Hand an sein rechtes Ohr, wie man es tut, um besser hören zu können, und zuckte mit den Achseln. Sie dagegen
hatte aufgehört, ihm Zeichen zu geben und ihm zuzurufen. Sie stand jetzt nur auf der Stelle und hatte die Fäuste vor den
Mund gelegt, wie um die Schreie des Entsetzens zu unterdrücken. Er stand unerwartet neben ihr, sein Lächeln war verschwunden.
Er blickte sie ernst an, bis dieses Mal sie seine Augen spürte und sich zu ihm drehte.
"Sie haben es geschafft?", fragte sie, offensichtlich über sein plötzliches Auftauchen an ihrer Seite
mehr verwundert als erschrocken. "Unbeschadet, obwohl ich mit meinen Augen gesehen habe, wie sie überfahren wurden von den Autos,
die wie aus dem Nichts gekommen zu sein schienen?"
"Nun, Sie sehen, ich bin wohlauf, kein Geist, sondern echt. Sie können mich auch berühren, wenn Sie wollen, hier..."
Daraufhin streckte er seine beiden Arme zu ihr aus. Sie zupfte ein wenig an seinen Ärmeln herum, doch beunruhigt war sie
jetzt wegen etwas anderem.
"Warum haben Sie den Bürgersteig gewechselt? Sie wollten doch ganz woanders hin?"
"Nicht ganz. Ich hatte vor, in dieses Haus, vor dem Sie stehen zu gehen, doch über einen anderen Eingang. Es ist auch ein
Tor, welches ich aber diesem hier..." - er deutete auf den Torbogen, in den sich die Frau mehr und mehr zurückgezogen hatte -
"...welches ich also diesem hier bevorzuge, nicht zuletzt deswegen, weil ich dort meine Wohnung nicht zu sehen bekomme."
"Sie haben aber noch nicht auf meine Frage geantwortet."
"Ach ja, warum ich mich heute doch für dieses Tor entschieden habe, nicht wahr? Nun, ich dachte, daß sie das genau so gut
selbst beantworten könnten. Sehen Sie, Sie haben mich, nachdem ich das Haus verlassen hatte, angesehen, als wenn Sie, ja, als
wenn Sie etwas wüßten, und mir gerne mitteilen würden, da Sie glaubten, es sei wichtig für mich das zu wissen. So bin ich
vielmehr aus Neugier als aus irgendeinem anderen Grund zu Ihnen auf die andere Straßenseite gekommen."
Sie blickte ihn etwas verschämt an, senkte dann die Augen und erwiderte leise: "Ja, Sie haben recht, doch nur zum Teil.
Denn, wissen Sie, ich erwarte hier eigentlich jemanden, einen Freund, der ebenfalls, wie Sie es vorhaben, in dieses Haus gegangen
ist, allerdings hat er mir versprochen, in einer Viertelstunde wieder zurück zu sein, und es ist jetzt bereits eine Dreiviertelstunde
vergangen. Ich kam ins Träumen und muß wohl, ohne es gemerkt zu haben, in einen starren Blick, der gerade Sie getroffen hat,
verfallen sein. Sie sehen, es ist keinerlei Absicht dahinter. Ihre Vermutung ist nur die halbe Wahrheit."
Der Mann warf seine Zigarette weg und sagte leise "Gut, dann habe ich mich getäuscht. Ich hoffe, ich bin nicht sehr zudringlich
gewesen. Ich war etwas verwirrt von Ihrem Blick, ich werde jetzt gehen. Sie müssen wissen, es wartet viel Arbeit auf mich.
Auf Wiedersehen."
Damit wandte er sich von ihr ab, um das andere Tor aufzusuchen, doch sie hielt ihn plötzlich am Arm fest und flüsterte "Ich
werde hier noch lange stehen, denn ich weiß, daß mein Freund dieses Haus für eine Weile nicht verlassen wird. Kommen Sie doch bitte,
sobald Sie mit Ihrer Arbeit fertig sind, hier vorbei. Ich werde auf Sie warten."
Er befreite sich von ihrem Griff ohne sie anzusehen und entgegnete "Sie widersprechen sich, wenn Sie zuerst sagten, daß Sie mich
rein zufällig angesehen, sich nichts dabei gedacht haben und von meinem unvermittelten Auftauchen an Ihrer Seite verwundert,
wenn nicht sogar erschrocken waren und sich daraufhin in den Torbogen zurückzogen, dann jedoch nachdrücklich meinten,
wiederzukehren, sobald ich von meiner Arbeit zurückkomme. Sie sehen, ich bin verunsichert und habe den Eindruck, daß Sie mit mir
spielen."
"Ja doch, Sie haben ja recht, ich war mir selbst nicht im Klaren über das, was ich sagte, doch tun Sie mir trotzdem den Gefallen,
kommen Sie hierher."
Daraufhin ging der Mann los, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie blieb stehen und schaute ihm nach, bis er in die nächste
Straße einbog, um seinen für ihn angenehmeren Torbogen zu erreichen und sich in das gleiche Haus zu begeben.
Im Gefängnis II
Aber das Warten dauerte an, und es bestand keine Aussicht, daß jemand erfahren würde, wo er sich aufhielt. Er hatte versucht, mit den
Beamten zu reden und so an ein Telefon zu gelangen. Das zu fordern war schließlich sein Recht in diesem Staat, der ein Rechtsstaat
ist, doch gelegentlich verfügen auch hier Menschen nach freiem Ermessen über das Recht (und diese Willkür des Umgangs mit
Rechten konnte nicht immer erfolgreich nachgewiesen werden, und Nachweise, möglichst unwiderlegbare Beweise, sind die Voraussetzung für
die Rechtsfindung, die schließlich verantwortlich für eine gerechte Behandlung eines jeden hier sein sollte). Felix verlangte
abermals jemanden zu sprechen, der ihm genau erklären konnte, warum er jetzt in diesem Raum mit all den anderen sitzen mußte, die
wahrscheinlich mehr auf dem Kerbholz hatten als er. Er glaubte diesen Umstand schon an ihrem Äußeren zu erkennen - besonders der
Tätowierte flößte ihm Furcht ein - gerade so hatte er sich einen Schwerverbrecher vom Range eines Triebtäters oder Massenmörders
vorgestellt, und wie zur Bestätigung dieses Gedankens gab jener plötzlich einen Laut von sich, von dem Felix später sagte, er hätte ihn
an das Geräusch erinnert, was sich aus dem horizontalen Zusammenpressen eines menschlichen Körpers auf die Stärke einer Münze ergeben
mußte. Natürlich war dieser Vergleich lächerlich, aber im Hinblick auf die unangenehme Lage, in der Felix sich befand, verständlich.
Vorverurteilt wurden auch die anderen. Der eine, dessen Kleidung zwar gepflegt und dessen Haare gut frisiert waren, konnte gleich
als ein in Machenschaften bosnischer Flüchtlingsbanden involvierter Autodieb oder als türkischer Fahrkartenfälscher ausgemacht werden.
Ein weiterer war unverkennbar, denn die weit geöffneten Augen zeigten schon seit einer Stunde keine Reaktion, ein Obdachloser vom Eingang des nächsten U-Bahnhofs. Fast schien es Felix, er hätte ihn tatsächlich vorhin gesehen - auf der Straße
im Schmutz liegend und um Kleingeld bettelnd, ja er hatte ihm sogar etwas gegeben und konnte sich selbst jetzt an das Mitgefühl
und die heimliche Erleichterung, als das Geldstück im Pappbecher klapperte, entsinnen, und an den kurz auftauchenden Gedanken, nie
mit dem dort den Platz wechseln zu wollen. Er war auch schnell weitergegangen und befand sich schon in der Nähe der verhängnisvollen
Kreuzung.
"Was is?!"
Inzwischen hatte sich doch einer der Wächter erhoben, um nach dem Urheber des Rufens aus der Zelle zu sehen. Nun legte aber gerade
in dem Augenblick, als Felix erneut ansetzen wollte, der Tätowierte den Kopf in den Nacken, öffnete die schon unter den Lidern rollenden
Augen und den Mund und stieß einen langgezogenen Seufzer aus, der in Felix' Gedanken einer der Befriedigung, nachdem jener ein Opfer
soeben umgebracht hatte, sein mußte. Der Wächter schien aber dadurch nicht irritiert zu sein und ging ohne ein Wort in seine Ecke
zurück.
"Hallo, ... ich war es aber, der nach Ihnen gerufen hat, und was kann ich dafür, wenn der andere da plötzlich dazwischenfährt
und Sie es mißverstehen. ..." Doch der Beamte hatte sich schon in ein Kreuzworträtsel vertieft, und man sah, daß es länger dauern
würde und selbst Schreien keinen Sinn gehabt hätte.
"Laß das sein. Es hat keinen Zweck. Ich kenne das, und außerdem biste in vierundzwanzig Stunden wieder raus. Was hast'n ausgefressen?
Bist doch'n Intelligenzler und bei denen ist's entweder voll die große Kacke oder nur'n Versehen, Harmlosigkeiten oder so." Der Tätowierte
sah Felix an. Neben ihm kroch eine Kakerlake die Wand empor. Wahrscheinlich hatte sie sich durch den Spalt zwischen der Wand und dem
Abflußrohr des Waschbeckens gezwängt und befand sich auf Nahrungssuche. 'Wie aussichtslos', dachte Felix, denn erst jetzt drangen jene
Sätze zu ihm vor, und er erschrak.
"Was? Was? Ich habe das nicht verstanden. Was sagten Sie?"
"Was bei dir für'ne Kacke am Dampfen ist wollt ick wissen. Wenn du's aber nich sagen willst - bitte, bist ja'n freier Mensch."
Felix spürte, wie er plötzlich Vertrauen zu dem anderen empfand, doch gerade deswegen, und weil es an diesem Ort war, und weil er den
Tätowierten schon ohne ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, eingeschätzt hatte, mißtraute er umso mehr. Er suchte nach einem Weg, sich
diesem, wenn auch unsinnig von ihm verstandenen Zugriff zu entziehen, allerdings gab er nach und sagte:
"Sie kennen doch die Kreuzung der G-Straße mit der D-Straße. Auf beiden fahren Straßenbahnen. Als ich nun beim Überqueren der
G-Straße ..."
Er stockte.
"Als ich also die G-Straße überqueren wollte - ich tat es nicht bei Rot..."
Er stockte wieder.
"... bist du auf einmal, scheinbar grundlos, auf den Gleisen stehengeblieben und hast zum Himmel hochgesehen. Dann ranntest du
direkt auf die Kreuzungsmitte. Die Fahrzeuge hupten und mußten dir ausweichen, doch du bemerktest sie erst gar nicht. Als die nächste
Straßenbahn kam, hielt sie wegen dir und der Fahrer stieg aus, um dich zur Vernunft zu bringen, doch du hast gerast und schriest wiederholt Gott sei tot, es lebe Gott und noch weitere Himmel und Hölle vertikal verbindende, horizontal einander spiegelnde Sprüche
ähnlicher Machart. Daraufhin kamen, denn du hattest den Fahrer schon beinahe erledigt, Leute aus der Straßenbahn, die mit dir fertig
wurden und dann Polizei und Krankenwagen riefen. War es denn nicht so?"
Felix, blaß wie Kreide, flüsterte: "Ja, ich glaube, so war es tatsächlich."
Der Tätowierte legte seinen Kopf wieder auf die Arme und sagte resigniert: "Is immer dasselbe mit euch. Ihr werdet's nie lernen."
"Was? Was werden wir nie lernen?", fragte Felix, ohne nachgedacht zu haben, und die Frage kam schnell, wie es sonst nicht der Fall
bei ihm war. "Und wer sind wir überhaupt? Warum nicht nur ich, ich ganz allein? Was haben irgendwelche anderen Leute mit diesem Vorfall
in der Weise zu tun, wie ich in ihn verwickelt war und noch bin? Woher eigentlich wissen Sie so genau, und vielleicht wissen Sie es
gar nicht, sondern haben nur geraten oder sich etwas ausgedacht, was passiert sei?"
Ohne ihn zu heben schüttelte der Tätowierte den Kopf, so daß das Zentrum des Spinnennetzes auch das der Drehbewegung war, und
er brummte kaum hörbar:
"Zwecklos, vergiß es!"
Da aber waren Schließgeräusche zu vernehmen, und man hörte Schritte mehrerer Personen im Korridor zu der Zelle, die jedoch nicht
klar als näherkommende oder sich entfernende erkennbar waren. Drei Männer, zwei in Uniform, einer in Zivil, traten an den Schreibtisch
des Wachhabenden heran. Einer der uniformierten redete kurz mit dem Wächter, der dann aufstand und zur Zellentür ging.
"Wer von euch ist Felix Güte?"
Felix, der schon stand, sagte: "Ich."
Der Wächter schloß die Zelle auf, und der Tätowierte schüttelte sich in der gekrümmten Haltung, als ob er Zug abbekommen hätte, doch
man konnte deutlich ein unterdrücktes Lachen aus den glucksenden Geräuschen heraushören, die er von sich gab. Felix sah bekümmert
nach ihm. Dann verließ er den vergitterten Raum, den der Wächter wieder sorgfältig verschloß.
"So ein Dreckloch!", sagte dieser daraufhin und zertrat eine Kakerlake, die den Versuch unternommen hatte, unter den Gitterstäben
aus dem Käfig zu gelangen. Sie zerplatzte, und lauter winzige Schaben verteilten sich wie die Splitter einer explodierten Handgranate
im Raum.
"Sie haben Besuch.", sagte der Wächter zu Felix, der zerstreut auf die kleinen Insekten schaute und kurz dachte: 'Sie sind wie wir.
Sie lernen es nie. Aussichtslos.' Dann fragte er: "Ja? Das ist merkwürdig. Da ich keinen über meinen Aufenthaltsort informiert habe,
kann doch unmöglich jemand zu mir zu Besuch kommen. Es sei denn, daß man sich intensiv nach mir erkundigt hat. Doch warum sollte
man dies tun?"
"Alles sehr scharfsinnig, sehr scharfsinnig.", sagte der Mann in Zivil und drehte sich um. Vor Felix Güte stand Herr K.
Herr K.
"Sagen Sie nichts. Finden Sie sich damit ab, daß ich es bin, der Sie von diesem wirklich ungemütlichen Ort befreit und Ihnen
wieder Luft zum Atmen gibt. Natürlich möchte ich nicht, daß Sie jetzt vor Dankbarkeit in Tränen ausbrechen, und ich weiß auch, daß
Sie das nicht tun werden, denn Sie sind doch das Kind, was sich verbrannt hat. Und das Feuer, das bin ich. Ist es nicht so? Lassen wir
aber die Rhetorik beiseite und kommen wir zum eigentlichen Grund, warum ich Sie aufgesucht habe. Sicher erinnern Sie sich an den heutigen
Morgen. Im Nachhinein entschuldige ich mich bei Ihnen für mein aller Wahrscheinlichkeit nach etwas zudringliches Verhalten Ihrer Frau
gegenüber. Sie sind beneidenswert und in gewisser Hinsicht bedauernswert zugleich, denn sind nicht diejenigen die Unglücklichsten, die von
allen anderen beneidet werden einer Sache wegen, die sie als, nun, vielleicht gar nicht so hervorzuhebend betrachten?"
"Was reden Sie da schon wieder für einen Unsinn? Sie ... du niederträchtiger Halunke! Hätte ich die Kraft, würde ich dich in
Stücke reißen und deine Überreste von diesem Planeten verbannen. Wächter! Eher als mich wieder auf freien Fuß mit diesem Menschen
oder durch dessen Hilfe setzen zu lassen, möchte ich lieber in dieser Zelle von den Kakerlaken aufgefressen werden. Bitte, geben Sie
einmal meiner Bitte nach, und lassen Sie mich zurück bei den Verbrechern niedrigsten Ranges, denn für dieses Reptil dort ..." Felix deutete
auf Herrn K. "... ist jede Verbrecherkategorie zu gering." Der Wächter fing an, verwirrt mit den Augen zu zwinkern, denn das Verhalten
dieses sich in Untersuchungshaft befindenden Klienten übertraf alles, was er während seiner bisherigen Laufbahn als Gefängniswärter
gesehen hatte und erst recht sein Vorstellungsvermögen. Wie konnte einer ohne weiteres, ohne abschließendes Verhör, ohne Kaution,
ohne handfeste Unschuldsbeweise einfach wieder freigelassen werden? Zweifellos hing dieser Umstand mit jenem geheimnisvollen Herrn K.
zusammen, der sehr einflußreich sein mußte, denn selbst das Recht beugte sich zu seiner Seite, als wenn er die ewige und allgemeingültige
Verkörperung der Gerechtigkeit wäre. Warum aber widersetzte sich dann jener Trottel diesem Herrn, dessen Gegenwart einem nur angenehm
war und von dessen Blick allein man sich erfrischt und auf seltsame Weise erleichtert fühlte? Also mußte doch der andere, dieser Güte,
nicht nur ein Trottel, sondern vielleicht sogar geistesgestört sein.
"Ich bin nicht verrückt. Sie halten mich sicherlich dafür, aber wenn Sie, Herr Wächter, wüßten, was dieser Mensch für ein Mensch ist,
dann würden Sie nicht nur mich, sondern vielleicht auch sich selbst für verrückt erklären."
Daraufhin wurde der Angesprochene hochrot im Gesicht und brachte nur ein "Der ist ja reif für die Klapse!" hervor. Dann öffnete er
routiniert die Zellentür, und wieder schüttelte sich der Tätowierte, als wenn er ein nur mit großer Mühe unterdrücktes Gelächter
zurückhielt. Felix trat schnell in die Zelle, offensichtlich erleichtert über die wenn auch nur scheinbare und für ihn möglicherweise
sogar ungenügende Sicherheit, die ihm dieser Raum bot. Herr K. wandte sich abermals zum Wächter und raunte ihm, aber so, daß es Felix
mitverstand, zu:
"Falls es sich Herr Güte noch einmal anders überlegen sollte, lassen Sie ihn unverzüglich frei. Ich verbürge mich für ihn.
Versprechen Sie mir das?"
Der Wächter überlegte kurz und erwiderte: "Sagense mal, was fürn Spiel wird denn hier eigentlich gespielt?"
Herr K. sah verlegen, fast traurig auf den Boden und sagte: "Das ist kein Spiel mehr, wenn es überhaupt irgendwann mal eins war.
Das ist der Versuch einer Rettung."
Dann verschwand er in Begleitung der beiden uniformierten Männer, und ihre Schritte konnten wie bei ihrem Erscheinen nicht eindeutig
als sich entfernend oder sich nähernd festgestellt werden.
Die Kündigung
Es wurde dunkler, und vor dem Torbogen stand immer noch jemand, als ein Mann aus einem anderen Hauseingang herausgeschossen kam und mit hastigen Schritten, die glaubhafter gewesen wären, wenn sie nicht an das Tippeln eines schlecht gespielten Staccatos erinnert hätten, auf eine Straße zulief, in der er erwartet wurde. Er wußt nicht mehr genau, ob er sich mit der betreffenden Person auf eine Zeit geeinigt hatte und war wohl deswegen in diese ungewohnte Eile verfallen. Es konnte gut möglich sein, daß er um etliches zu spät kam, aber ihm wurde doch eigentlich versichert, daß man warten würde, und ohne es ausgesprochen zu haben klang dabei mit: für immer, immer wieder, auch vergebens. Und gerade dieser Nachklang füllte seinen Kopf mit schnell unterdrückten Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten und Erinnerungen. Die letzteren führten ihn in einen hellen Raum. Darin stand ihm gegenüber eine junge Frau und schrieb an eine Schultafel:
Ich darf keinem Mädchen bis auf die Mädchentoilette nachlaufen.
Ich muss meine Hand zwanzigmal vor der Klasse küssen.
Er war Schüler der zweiten Klasse und hatte sich tatsächlich erdreistet, einem Mädchen aus derselben Klassenstufe bis auf die Toilette zu folgen, um ihr dort einen Handkuß aufzuzwingen. Er hämmerte mit den Fäusten gegen die von innen abgeschlossene Tür und handelte mit der Eingeschlossenen die Hand anstelle des Munds aus. Die Szene spielte sich im Waschraum ab, in dem es besser roch und dessen Schalleffekt auch größer war. Danach hatte sie gepetzt, und die Lehrerin hatte ihn jene Sätze hundertmal in sein Heft schreiben und die eigene Hand zwanzigmal küssen lassen.
Er bog in die besagte Straße und sah in einiger Entfernung eine Gestalt an der Hauswand lehnen, und obwohl er von diesem Bild Erleichterung erwartet hatte, fühlte er sich mit einem Mal beklemmt und wollte wieder umkehren. Doch dafür war es schon zu spät, denn man hatte ihn bereits gesehen und bewegte sich auf ihn zu. Er blieb stehen und suchte nach Zigaretten in seiner Manteltasche. Dann überlegte er es sich anders und lief der silhouettenhaften Person entgegen.
"Sie haben mich schon aus der Entfernung erkannt?"
"Nein, ich wußte, daß Sie es sind. Ich brauchte Sie nicht erst zu erkennen."
"Dann sollten Sie lieber auf ihn warten, denn sicher haben Sie ihm versprochen, hier zu bleiben, solange er nicht wiederkommt."
"Er hat mich schon vergessen."
Auf der anderen Straßenseite schlich ein Schatten die Häuserwand entlang, doch er wurde von keinem der beiden bemerkt.
"Und was machen Sie nun?", fragte der Mann und wartete. "Woher sind Sie sich so sicher, daß er Sie vergessen habe?"
"Ich weiß es nicht... aber als er in dieses Haus durch den Torbogen ging, hatte ich ganz plötzlich so eine komische Ahnung, daß er nie mehr wiederkehrt."
"Hat er es Ihnen denn gesagt?"
"Nein und ja. Was fragen Sie mich denn überhaupt aus?"
"Aber Sie wollten doch, daß ich zurückkomme, und ich finde Sie hier verlassen und, wenn ich nicht irre, abwesend vor. Möchten Sie, daß ich vielleicht gehe?"
"Nein."
"Also bleiben wir hier stehen und schweigen ein bißchen?"
"Ja, vielleicht."
Es vergingen fünf Minuten, ohne daß ein Wort zwischen ihnen fiel. Dann berührte ihn die Gestalt leicht am Oberarm, als wenn sie ihn gerade sanft aus einem Schlaf entführen wollte, und sagte leise:
"Kommen Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen."
Er folgte einem Schatten, der nach jeder Laterne, die sie passierten, von seinem eigenen eingeholt wurde, bis das orangene Licht der nächsten die alten verblassen und zwei neue in ihrem Rücken entstehen ließ. Sie verschwanden in dem bekannten Torbogen und kamen auf den Hof, in dessen gähnendem Viereck alles von der Dunkelheit verschluckt wurde. Der Mann spürte, wie ein kalter Luftzug seinen Nacken strich und gleichzeitig, wie jemand nach seiner Hand griff.
"Haben Sie Angst?"
"Mir ist, offen gesagt, unheimlich. Wohin führen Sie mich?"
"Warten Sie ab, gleich sind wir da."
Eine Tür im Seitenflügel öffnete sich und er wurde in das Treppenhaus hineingezogen. Sie stiegen in die zweite Etage ohne die Beleuchtung eingeschaltet zu haben und machten vor einer Tür, die nur zu ertasten war, halt. Offensichtlich kannte sich seine Begleitung hier aus. Jedoch schien sie unschlüssig zu sein, wie es weitergehen sollte.
"Was machen wir nun?", flüsterte der Mann.
"Hab' Geduld. Es ist noch nicht soweit."
Warum duzte ihn die Gestalt, von der er immer noch nichts wußte, und von der er in eine derartig sonderbare Geschichte, die noch nicht beendet schien, hineinversetzt worden war, und deren Ende er zunehmends nicht mitzuerleben hoffte? Ihm war nicht mehr nur unheimlich, er hatte wirklich Angst, doch er riß sich zusammen, mehr aus Neugier als vor Scham, sich vor der anderen Person lächerlich zu machen.
"Er ist noch da. Wir müssen noch ein bißchen warten.", hauchte der Schatten in sein Ohr.
Plötzlich wurde ihm klar, wo er sich genau befand. Er wußte, daß sich seine Arbeitsräume von zwei verschiedenen Eingängen begehen ließen, und daß einer natürlich über dieses Tor zu erreichen war. Doch da er immer nur den anderen von der gegenüberliegenden Seite benutzt hatte, kannte er diesen überhaupt nicht. Folglich mußte irgendjemand gerade jetzt in seinen Räumen sein, zu denen aber nur er ganz allein die Schlüssel hatte. Er beherrschte sich, um seiner Empörung nicht freien Lauf zu lassen, und fragte:
"Wen meinen Sie?"
"Psst, sei doch still! Ihn, natürlich ihn meine ich. Meinen Freund."
Wieder dieses du! Er wollte gerade dazu ansetzen, die Gestalt zu fragen, wie ihr Freund denn dazu käme, sich in seinen Arbeitszimmern aufzuhalten und was er dort zu suchen habe, daß das verboten und strafbar sei, doch sie ließ ihm keine Zeit und sagte:
"Jetzt ist es soweit. Er geht. Kommen Sie, folgen Sie mir."
Die Tür ließ sich ohne weiteres öffnen. Sie durchquerten einen langen Flur, der nur durch eine Schreibtischlampe, deren Licht durch einen Türspalt am Ende des Ganges fiel, beleuchtet war. Dann, im Zimmer, lag auf dem Tisch ein Blatt Papier, worauf die Gestalt mit dem Zeigefinger deutete:
"Dort, das da, das ist es, das war er."
Der Mann setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und las laut:
Guten Abend, mein Herr,
es tut mir aufrichtig leid, und ich hoffe, daß Sie mir die wenigen Formfehler nachsehen werden, die mir beim Abfassen dieses Briefes unterlaufen sind, also, es tut mir aufrichtig leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß Sie ab dem morgigen Tage gekündigt sind. Die Kündigung ist fristlos, denn Sie haben sich eines äußerst schweren Vergehens, über das die Betriebsführung nocheinmal mit Ihnen reden möchte, schuldig gemacht, so daß Sie nicht nur gekündigt, sondern auch anderweitig zur Verantwortung gezogen werden. Sie werden morgen früh um 10 Uhr im Büro des Herrn R. K. erwartet. Bitte melden Sie sich beim Pförtner an.
Mit freundlichen Grüßen
R. Kwasniewskij
Dieses Mal war eine Schwelle bei dem Lesenden überschritten, und seine bisher gut aufrechterhaltene Beherrschung, die er nicht zuletzt auch mit Hilfe seines Berufes, dem er ab morgen nicht mehr nachgehen konnte, erlangt hatte, wurde von den ganzen, nicht nur denen vom heutigen Abend, aufgestauten Gefühlen, unausgesprochenen Beschimpfungen und versteckten Fragen hinweggerissen. Das sonst gut gepflegte Lächeln fiel von seinem Gesicht, und darunter hatte sich eine Visage herangebildet, die nur noch schwer erkennbare Ähnlichkeit mit menschlichen Zügen besaß. Er schnaufte, scharrte mit den Füßen auf dem mit Auslegware belegten Boden. Das waren Geräusche, die den unmittelbar bevorstehenden Ausbruch, der Suada zusammenhangsloser Wortgruppen, die beliebigen Wortgefechten entlehnt sein konnten, Rechtfertigungsmanöver in fein ausgeklügelten, aber nur bis zur Hälfte gedachten Begründungsketten vorausgingen. Und dieser plötzlichen Entladung bot einzig Widerstand die Begleitung in der Tür zu seinem Arbeitszimmer, indem sie ihn zu beschwichtigen und zur Vernunft zu rufen suchte. Doch wie lächerlich erschien ihr selbst dieser Versuch, denn die Aufregung und die offensichtliche Entriegelung aller je unterdrückter Emotionen konnten in keinem Vergleich zu ihren halbherzigen, ungenügend selbstbewußten Beruhigungsfloskeln stehen. So also zog sich die Gestalt immer mehr in den Korridor zurück, hin zur offenstehenden Eingangstür, weg von einem speienden Vulkan, dessen Lava sich schon in das Treppenhaus und den Hof ergoß. Doch blieben die Fenster dort dunkel, obwohl eigentlich eine Antwort auf das Brüllen im zweiten Stock zu erwarten gewesen wäre. Beinahe schien es, als hätten sich die Mietparteien, voll über den bevorstehenden Zwischenfall informiert, eingerichtet, erst gar nicht darauf zu reagieren. Aber wohnten denn in diesem Gebäude überhaupt Mieter, denn es war ja ein sogenanntes Betriebsgelände, ein firmeneigenes Haus, in dem nur manchmal übernachtet wurde, und zwar dann, wenn es das Arbeitspensum erforderlich machte? Schnell fiel dem Mann auf, daß er allein gelassen gelassen wurde, und da es notwendig ist, wenn nicht einen Gesprächspartner, so doch, und das sogar viel lieber, jemanden, der die Wortlawine einfach über sich ergehen läßt, zu solchen Zeiten um sich zu haben, hörte er auf, blind zu schimpfen und stand hinter seinem nunmehr ehemaligen Schreibtisch auf. Den Zettel hielt er immer noch in der Hand, und er lief ganz langsam hin zu der Tür, durch die er gekommen war.
"Wo zum Teufel sind Sie?"
Und obwohl er sich etwas beruhigt hatte, überschlug sich seine Stimme, die außerdem noch eine sehr intensive Farbe der Angst angenommen hatte. Es war nicht mehr sein Arbeitsplatz, er hatte nichts mehr auf dieser Auslegware, in diesem Zimmer verloren. Dieser Bereich ist für ihn zu einem Tabu geworden, ja gerade in diesem Moment war er straffällig, wenn ihn die Polizei hier zu Gesicht bekäme. Unter diese Angst mischte sich allerdings noch die Wut der Demütigung, die ihm mit diesem Brief zugefügt worden war, und derer er sich erst allmählich, im Abklingen seines Ausbruches bewußt wurde. Und mit diesem Bewußtwerden stellten sich wieder Fragen ein: Wie kommt dieser Brief zustande? Wer ist R. K.? Läuft eine Intrige gegen mich? Und wie konnte die seltsame Frau von alledem wissen? Ich muß sie nocheinmal unbedingt sprechen!
Er stand jetzt im Treppenhaus und suchte nach dem Lichtschalter. Eine oder zwei Etagen über ihm knarrten die Dielen. Er fand den Druckknopf für die Beleuchtung und schaltete ein. Das Licht, die Helligkeit, das stets Alpträume in komische Einbildungen, ungewisse Angst in gewisses Entsetzen oder in erleichtertes Wiedererkennen einer Ungefahr verwandelt, schaffte dieses Mal nichts dergleichen, und das Knarren über ihm hielt sogar den Atem an.
"Kommen Sie doch endlich runter von da oben, ich muß mit Ihnen reden. Kommen Sie doch, ich habe mich beruhigt, bin wieder ganz meiner selbst Herr. Hören Sie, Sie haben mich da in eine äußerst unglaubliche Geschichte verwickelt, und ich glaube, daß Sie mir ein paar Erklärungen schuldig sind."
Und da er keine Antwort erhielt, stieg er langsam die Stufen nach oben.
"Gut, dann komme ich jetzt."
Als er eine Etage höher niemanden sah und weitersteigen wollte, erlosch die Beleuchtung, und fast gleichzeitig schlug die Tür, die er unten offengelassen hatte, zu. Er fand nicht gleich den Lichtschalter. Dafür hörte er, wie jemand die Treppe zu ihm langsam, so daß die Dielen genußvoll ächzten, hochkam, und wie sich auf seiner Etage eine Tür öffnete. Aus dem Spalt hörte er die Stimme eines Nachrichtensprechers im Radio überlagert mit dem Geräusch eines Föns, und dazwischen mischten sich die Schritte auf der Treppe. Sie näherten sich und hatten schon ihren festen Platz im gesamten Ensemble, das dieses Stockwerk mit seinen Tönen erfüllte. Er hatte inzwischen den Schalter betätigt und stand unvermittelt neben einem fremden Mann, dessen Schritte er gehört haben mußte, und vor dem er erschrocken, doch schnell wieder gefaßt, zurückwich. Der andere machte ein verblüfftes Gesicht, schaute den Gegenüber prüfend an, zog dabei die Brauen zusammen, und als ob er diese mimische Mißbilligung noch verstärken wollte, sagte er:
"Guten Abend. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?"
Dabei stand er schon halb der angelehnten Tür zugewandt, gerade im Begriff, in den Raum dahinter einzutreten.
"Ja, ich suche eine junge Frau. Ich habe sie eben noch hier im Hausflur gesehen. Ist sie Ihnen vielleicht über den Weg gelaufen? Möglicherweise im Hof sogar?"
"Eine junge Frau? Hier?"
Der Mann vor der Tür zögerte und verzog ungläubig die Mundwinkel. Dann drehte er sich vom anderen weg, um endlich den Raum, der ihn von dieser peinlichen Situation befreien würde, zu betreten. Dabei sagte er:
"Nein. Noch nie. Wie kommen Sie denn darauf? Das wären ja ganz neue Sitten. Lassen Sie mich mit dergleichen Geschichten in Ruhe. Ich möchte kein ekelhaft-schmieriges Bindeglied sein oder als solches gesehen werden."
Hinter der Tür wallten dicke Qualmwolken. Irgendjemand hustete unsichtbar und der Nachrichtensprecher ging dazu über, die Wettervorhersage einzuleiten. Der Fön war bereits verstummt. Dann war die Tür verschlossen. Jemand, der eine Etage höher gestanden und das kurze Gespräch zwischen den beiden Herren mitgehört haben mußte, kam ganz langsam die Stufen heruntergestiegen. Die Treppe war nicht besonders breit, im Gegenteil, gerade zwei Menschen, wenn sie dicht aneinandergedrängt wären, könnten zwischen das Geländer und die Flurwand passen. Merkwürdig, daß es dem Mann in den unteren Etagen nicht aufgefallen war, er hatte den Eindruck, daß sich, je höher man kam, das Treppenhaus immer mehr verengte. Er hatte diesen Aufgang heute das erste Mal benutzt, vielleicht war er auch zu übermüdet und erschöpft und hatte sich auch noch nicht genügend vom Schrecken der Kündigung erholt, daß ihn solche Perspektivverschiebungen heimsuchten.
"Sie haben sich beruhigt? Sie werden nicht mehr auf mich schimpfen? Ich kann doch gar nichts für das Geschehene. Ich habe es Ihnen nur gezeigt. Um der Wahrheit willen. War das denn ein Fehler?"
Als sie das alles sagte, stand die Gestalt auf dem oberen Absatz der Treppe, die zu ihm führte. Ihre Haltung verriet die Spannung, unter der sie sich befand: beinahe reglos, jedoch hatten ihre Konturen keine klaren Linien, sondern waren verschwommen wie auf einem leicht unscharfen Lichtbild, als wenn ihr Körper unter einer nicht eindeutig wahrnehmbaren Vibration zu einem Phantom geworden war.
Die Flucht
"Da sind sie ja, ich habe Sie schon gesucht und gedacht, Sie wären davongelaufen. Sie können sich bestimmt vorstellen, daß ich eine Erklärung von Ihnen erwarte. Woher wußten Sie von meiner Kündigung? Denn aus keinem anderen Grund haben Sie mich doch hierher gebracht. Sie müssen es ja von jemandem erfahren haben... Vielleicht sogar persönlich von demjenigen, der mir die Nachricht auf dem Schreibtisch hinterlassen hat. Und warum haben Sie mir nicht gleich zu Beginn, bevor wir in das Haus gingen, darüber Bescheid gegeben? Warum diese ganze Geheimnistuerei? Ich hätte doch davon spätestens morgen erfahren! Dann wäre es eine Kündigung gewesen, die nach einer alltäglichen Wendung des Schicksals ausgesehen hätte. Jetzt ist sie zu einer unglaubwürdigen, alptraumhaften geworden. Kennen Sie Kafkas Romanfigur Joseph K.? Beinahe fühle ich mich vergleichbar mit ihr. Ich bin Ihnen nicht böse, doch bitte ich um eine Erklärung."
Während er sprach, bewegte sich die Frau langsam rückwärts, so daß ihre Gestalt allmählich im Schatten verschwand und sie noch weniger als vorher vom Hintergrund zu unterscheiden war. Trotzdem erkannte er in ihrem Gesicht ein Lächeln. Kein spöttisches, sondern ein auf merkwürdige Weise verständiges. Es war, als wenn sie ihm damit antworten wollte, ein Beschwichtigungsversuch, der keiner Worte bedürfte. Jedoch verwirrte und reizte ihn diese Wortlosigkeit, und er hatte gerade seine Forderung eindringlicher vorbringen wollen, als sich plötzlich wieder die Tür auf seiner Etage öffnete, und derselbe Mann, diesmal in einem dicken Wollmantel gekleidet, heraustrat.
"Das ist doch wohl die Höhe!", sagte er, "Was haben Sie denn hier noch zu suchen? Wissen Sie, wie spät es ist?" Aus der Wohnung hörte man wieder das Husten. "Machen Sie, daß Sie hier wegkommen, oder ich rufe die Polizei. Landstreicher haben in diesem Haus nichts zu suchen..."
Die Frau kam langsam die Stufen herabgeschritten, und als der Mann sie bemerkte, stockte er kurz in seinen Beschimpfungen und Drohungen, als wenn er etwas Unfaßbares sehen würde, doch flink fand er die Sprache wieder und setzte von Neuem an.
"Ach so, da haben wir ja das Flittchen! Aber das geht zu weit, zu weit geht das hier! Was soll das hier sein? Ein Rendezvous im Treppenhaus? Bin ich da etwa in eine Liebestragödie hineingeraden, oder handelt es sich um ein dreckiges Liebesgeschäft? Soll ich anstelle der Polizei lieber einen Pfarrer holen, oder vielleicht doch jemanden, der Sie zu Zucht und Ordnung bekehrt?"
"Kommen Sie! Schnell!", sagte die Frau zu dem anderen, der inzwischen merkwürdig starr geworden war und offensichtlich nichts von einem sich anbahnendem Unheil spürte. Sie faßte ihn am Arm und zog ihn die Treppe hinunter. Dabei schimpfte der Mann im Wollmantel weiter, und als sie den Hof überquerten, klangen seine Worte wie das Bellen eines verängstigten Hundes.
"Wohin führen Sie mich?", fragte wenige Zeit später der Mann. Sie liefen in raschen Schritten den Bürgersteig entlang, während er benommen wie ein Turm wankte und sie ihn immer noch zog, als wenn er jeden Augenblick sein Gleichgewicht wiederfinden und unbeweglich auf einer Stelle stehenbleiben könnte.
"Ich führe Sie zu einer guten Bekannten, die sich um Sie kümmern wird. In diesem Zustand kann man Sie unmöglich allein lassen. Vertrauen Sie mir."
"Wie soll ich Ihnen denn noch vertrauen? Wem verdanke ich denn meinen jetzigen Zustand? Lassen Sie mich endlich los, und gehen Sie, wohin Sie wollen. Ich versichere Ihnen, daß ich mich weit besser fühlen werde, wenn ich zu mir nach Hause gehe und mich hinlege, wenngleich an Schlaf nicht zu denken ist. Ich möchte allein sein."
Inzwischen war Robert K. die Treppen hinuntergelaufen und hatte den Hof überquert. Er blieb am Torbogen stehen und sah den beiden davoneilenden hinterher. Er schlug den Kragen seines Mantels hoch, denn es war kalt. Dann sah er, wie das Pärchen plötzlich stehenblieb und die Frau auf den Mann einredete. Ihre Gestik war heftig, und als die beiden sich umdrehten, mußte er schnell zurückweichen, damit ihn der Dampf seines Atems nicht verriet. Als er dann vorsichtig, mit angehaltenem Atem, abermals um die Ecke blickte, waren die Frau und der Mann verschwunden. Jetzt konnte er auf die Straße treten und wie ein Schatten an den Häuserwänden entlangwandelnd, lenkte er seine Schritte zur Wohnung von Frau Güte.
Berlin Prenzlauer Berg, 1996-1997