Der eingebildete Tod

Es kam Nebel auf, und er hatte nichts besseres zu tun, als am Rande des Sees auf die nun mit allmächtiger Gewalt hereinbrechende Dunkelheit zu warten. Der Grund, warum er ausgerechnet diesen endlos einsamen Ort als Ziel seines langen Spaziergangs durch den Wald gewählt hatte, war für ihn nicht erfindlich, ja er hatte sich diesen Ort nicht einmal zu Beginn seines Weges als Endpunkt vorgestellt, sondern ging, gleichsam von einem inneren Drang erfüllt, alles um sich zu vergessen, scheinbar ziellos, letztendlich jedoch strebsam hierher, wo es still war und er nichts erwartete und nichts von ihm erwartet worden wäre, wenn nicht schleichend ein Schatten sich ihm genähert hätte. Zuerst bemerkte er diesen Schatten nicht, denn er kam aus derselben Richtung, wie er und wankte auf seinen Rücken zu. Es hätte den Anschein haben können, daß dieser Schatten ihm schon den ganzen Weg durch den kahlen Wald gefolgt wäre, doch war dem nicht so, was mit Bestimmtheit gesagt werden kann, denn dieser Schatten hatte sich wie ein Stück Rinde von einem Baum gelöst und glitt leicht, ähnlich einem sanften Windzug, auf dem Boden dahin, unaufhaltsam auf seinen Rücken zusteuernd. Ihm wurde unbehaglich zumute, er hatte das Gefühl, dass jemand von hinten auf ihn zuging. Und so drehte er sich um. Er wollte sich von seiner Ahnung überzeugen. Doch was er sah, war nichts, nichts als der immer dichter werdende Nebel, der inzwischen schon den ganzen Wald verschluckt hatte. Er wollte sich daraufhin wieder umdrehen, als plötzlich eine Stimme, ganz nah neben ihm, fragte:
 "Hast du dich verlaufen, daß du hier so stehst und es den Anschein hat, du hättest es längst aufgegeben weiterzulaufen und nach dem Weg zurück zu suchen?"
Er erstarrte, und vor Entsetzen brachte er anfangs kein Wort über die Lippen. Nach einer kurzen Pause jedoch fragte er zurück:
 "Warum fragst du mich, wenn ich doch weiß, daß du nur eine Einbildung von mir bist?"
 "Ich bin eine Einbildung von dir, das stimmt. Trotzdem frage ich dich, damit du dir eine Möglichkeit gibst, dich zu befreien."
 "Du bist eine ziemlich eingebildete Einbildung, wenn du glaubst, daß ich auf solche Ratschläge eingehe. Du solltest wieder zum stummen Nebel zurückkehren, aus dem du gekommen bist und mich nicht weiter stören, fröhlich das Wasserplätschern zu beobachten, denn das ist hier, und du bist weg. Weit weg."
Doch so leicht ließ sich die Einbildung nicht einschüchtern, ruhig fuhr sie fort:
 "Gewiß, ich bin weit weg, und das Wasserplätschern ist hier. Ich konnte mir das Gegenteil nicht aussuchen, du dagegen schon, und jetzt bin ich trotzdem zu dir gekommen, auch wenn du mich verbannt hast und dich mit deiner ganzen Kraft gegen mich auflehnst, ich bin da und bin bereit, mich für dich zu opfern, dann nämlich erst wirst du frei sein, und die Sterne werden dir deinen Weg zum Haus leuchten."
Er schwieg eine kurze Zeit lang, erwiderte dann aber:
 "Du bist mir zu anstrengend."
 "Damit wirst du mich auch nicht los."
Er schwieg wieder und schüttelte sich, denn ihm wurde langsam kalt. Dann sagte er:
 "Gut, also was willst du genau, und versuche bitte, dich verständlich und nicht in endlosen Rätseln auszudrücken, sonst hat das alles keinen Sinn."
 "Du redest vernünftig, was übrigens nicht sehr oft bei dir der Fall ist, also hör zu! Ich verlange von dir, daß du den Nebel verschwinden läßt, daß anstelle der Nacht der Tag anbricht, daß der Wald Blätter, so grün wie es nur möglich ist, bekommt und daß hier, am Rande des Sees ein Ruderboot im Wasser steht."
Er lächelte und fragte:
 "Wozu das Ruderboot?"
 "Damit wir beide zusammen eine letzte Ruderpartie machen können."
 "Und weshalb soll es die letzte sein?"
 "Weil ich mich danach von dir verabschieden werde."
 "Auf keinen Fall", sagte er, und sein Lächeln verschwand.
 "Das gehört aber dazu. Du bist starrsinnig! Und du bist völlig unvernünftig! Erst möchtest du, daß ich verschwinde, und jetzt bestehst du darauf, daß ich bei dir bleibe."
 "Genug jetzt, es reicht, ich bitte dich, treibe es nicht auf die Spitze, ich kenne dich, und ich weiß, daß du auch nicht unverwundbar bist, du drehst dir doch den eigenen Strick..."
 "... der aber nur greift, wenn du meine Bedingungen erfüllst."
 "Fall mir nicht in's Wort! Das ist unverschämt, das weißt du..."
 "... und ob ich das weiß, aber dir ist ja nicht anders beizukommen."
 "Du bist egoistisch!"
 "Warum eigentlich nicht? Das ist kein neues Attribut, es ist ganz im Gegenteil schon uralt und verletzt mich nicht im geringsten. Aber genug der Streiterei, ich bin es müde, dich Tag für Tag zu besuchen, diesen endlos langen Weg aus der Verbannung zu kommen, um jedesmal das gleiche Theater erleben zu müssen. Was soll man gegen so viel Starrsinn ausrichten? Gegen dich rennt man entweder wie gegen eine Mauer oder man hat Mühe, von dir wieder loszukommen. Du bist für mich ein hoffnungsloser Fall."
Er schweigt und schaut auf die immer klarer werdende Wasserfläche, die gleichsam den Nebel in sich aufzunehmen scheint. Im selben Augenblick hört er hinter sich Blätter rauschen, und als er sich umdreht, erblickt er den Wald im sattesten Grün durch die aufsteigende Sonne noch verstärkt erstrahlen, und die dumpfen Schläge, die das Wasser gegen ein Ruderboot am Rande des Sees ausführt, lassen ihn seine Umdrehung bis zuletzt ausführen und in sich zusammensacken. Seine Haare schaukeln im Takt der winzigen Wellen hin und her, sein Blick ist trübe zum Himmel gerichtet, seinen Hände werden allmählich weiß und kalt und ein zufällig über in hinwegfliegender Vogel läßt ein Tröpfchen auf seine Nasenspitze fallen.


Berlin, Prenzlauer Berg 1996