Der blaue Schein

Es war schon spät, und die Straße, die er entlanglaufen mußte, dunkel. Der Regen fiel unablässig und in Strömen. Vom Himmel hörte man die Geräusche der Stadt herabstürzen. Kurze Blitze der Scheinwerfer der Autos streiften ab und zu seine Gestalt, die jetzt an einer Kreuzung zum Stehen kam und sich trotzdem noch weiterzubewegen schien. Über ihm, aus einem Fenster in der dritten Etage, ergoß sich ein Wasserfall von Musik auf die Straße. Er konnte sich aber nicht an Titel oder Sänger erinnern. Reggea. Er lief weiter. An einem Hausaufgang stand eine Frau. Er kannte sie. Sie stand hier immer. Jede Nacht. Am Tag sammelte sie Müll auf, den die Leute auf die Straße warfen, am Abend und in der Nacht ging sie hier auf und ab oder stand wie heute nur da, sah sich die Vorübergehenden an.
 "Guten Abend.", grüßte er sie.
 "Guten Abend.", grüßte sie nach einer kurzen Pause zurück. Er lief schnell weiter, blieb aber nach ein paar Schritten stehen, schien über etwas nachzdenken, drehte sich um und ging langsam wieder zurück. Sie stand immer noch da. Sie beobachtet ihn.
 "Wie heißen Sie?", wollte er wissen.
 "Warum?", fragte sie, wobei ihre mißtrauischen grauen Augen ihn fest ansahen.
 "Sie stehen jeden Abend, an dem ich hier vorbeilaufe, in diesem Hausaufgang. Da kam es mir in den Sinn, Sie nach Ihrem Namen zu fragen."
 "Margarethe Steinbeck. Und Sie, wie heißen Sie?"
 "Anton Schäfer."
Es entstand eine Pause, in der nur noch der Regen zu hören war.
 "Wissen Sie,", sagte er etwas verlegen, "ich wollte Sie noch etwas fragen. Warum tun Sie das - jeden Tag hier herumstehen, Müll aufsammeln, unruhig auf und ab zu laufen, als ob Sie etwas erwarten würden und doch wüßten, daß es niemals eintritt?"
Die Frau lächelte, ging in den Hausaufgang und winkte ihm mit der Hand auf daß er ihr folgen sollte. Er ging ihr nach, bis er sie erreicht hatte, dann flüsterte sie ihm zu:
 "Es ist ein Geheimnis. Sie können doch Geheimnisse für sich behalten?"
 "Kommt darauf an, was es für ein Geheimnis ist.", erwiderte er leise.
 "Gut.", sagte sie und ging weiter auf den Hof. In der Mitte des Hofs blieb sie stehen und winkte ihm abermals zu.
 "Sehen Sie,", flüsterte sie, "da oben, im vierten Stock, die beiden Fenster, drei Fenster von rechts, dort wohne ich. Man kann von ihnen aus auf das Dach des ehemaligen Viehstalls hier sehen." Dabei wies sie auf ein Gebäude, das hinter ihnen stand und recht baufällig aussah, dessen Dach nur bis zur zweiten Etage des Wohnhauses reichte, und dessen Fenster mit schweren Holzläden verschlossen waren. Es schien wie aus einer viel älteren Zeit übriggeblieben zu sein, so, als ob das Wohnhaus erst später dort herumgebaut worden war, und man vergessen hatte, es abzureißen. "In dem Dach ist ein Loch, wo man aus meinem Fenster in einem ganz bestimmten Winkel das Innere sieht." Sie machte eine Pause. Sie schien ganz plötzlich tief in Gedanken versunken zu sein.
 "Was ist denn nun mit dem Loch?", fragte er vorsichtig.
 "Jaaa.", sagte sie, "Als mein Mann noch lebte, haben wir zusammen an einem Abend etwas da drin beobachtet. Es sah so aus, wie ein Licht, aber nicht so eines, wie von einer Taschenlampe, sondern ein ruhiges, bläuliches. Wir dachten uns nichts weiter dabei. Vielleicht spielten ja nur ein paar Jugendliche oder etwas in der Art. Als das Licht jedoch jeden Abend wiederkam und die ganze Nacht durch leuchtete, fragten wir bei den Nachbarn nach, ob sie es denn auch gesehen hätten. Keiner hatte aber dergleichen beobachtet, selbst nachdem wir ihnen gesagt hatten, daß sie mal abends hinausschauen sollten. Es hörte nicht auf. Wir konnten nicht mehr schlafen, weil uns schien, das Licht würde unsere Zimmer hell erleuchten. Wir fragten bei der Wohnungsverwaltung nach, ob es Strom in jenem Haus gäbe, und ob sie von derartigen Vorfällen wüßten. Doch denen war das völlig neu, und sie sagten, der Hausmeister würde sich darum kümmern. Der kam aber nur einmal tagsüber herein, schloß die Tür auf und sah sich mit uns ein bißchen um. Natürlich war nichts da, was unsere Beobachtungen bestätigt hätte. Aber in der Nacht, wie zum Spott, schien es wieder. Schließlich entschloß sich mein Mann, auf eigene Faust in den Stall einzusteigen, und der Sache, wie er immer zu sagen pflegte, auf den Grund zu gehen. Ich half ihm dabei, einen der Fensterläden aufzubrechen und hineinzugelangen. Wir hatten Angst, denn es war ja verboten. So wartete ich dann auch ohne ein Wort zu sagen die ganze Nacht vor diesem verdammten Viehstall. Zum Morgen hin rief ich endlich nach ihm. Ich weinte und schrie schließlich, daß er doch herauskommen sollte, bis dann die Nachbarn aus den Fenstern schauten und mich ausschimpften, weil ich hier so herumkrakeele. Da ich aber nicht davon abließ, kamen sie herunter und wollten mich in meine Wohnung bringen. Da hätten mich aber keine zehn Pferde hingezogen. Dummerweise habe ich ihnen die ganze Geschichte erzählt, und so haben sie einen Krankenwagen gerufen, der mich in eine Psychiatrie brachte. Dort jedoch hatte ich mich wieder ganz gut im Griff und wurde noch in derselben Woche entlassen. Ja, seitdem hat das Licht aufgehört zu leuchten, und ich erwarte jeden Tag meinen Mann irgendwo hier in der Gegend auftauchen. Ich halte den Hof sauber, die Einfahrt, die Straße, denn er hat immer auf den ganzen Dreck so geschimpft, ich gieße die Blumen in den Schüsseln am Hauseingang, damit er sie als unser gemeinsames Zeichen wiedererkennt, und natürlich halte ich Ausschau nach ihm, denn er könnte sich ja verlaufen haben.
 So, jetzt habe ich Ihnen die Geschichte erzählt. Sie ist ein Geheimnis. Erzählen Sie sie nicht weiter."
Anton stand vor der Frau und wußte nicht, was er noch sagen sollte. Plötzlich fragte er jedoch:
 "Ist denn niemals in dem Stall nach Ihrem Mann gesucht worden?"
 "Doch. Sogar die Polizei war da. Die dachte gleich an Mord, daß ich ihn umgebracht hätte, doch was hätte ich für einen Grund gehabt, meinen Mann, der selbst nur ein armer Schlucker war, und mit dem ich niemals Streit gehabt hatte, umzubringen? Nein, man hat nichts gefunden. Keine Spur von ihm. Er war wie vom Erdboden verschluckt."
Anton sah angestrengt auf den Boden. Beide standen im Hof, in den der Regen wie in einen dunklen Schacht hineinfiel. Sie waren durchnäßt bis auf die Haut.
 "Auf Wiedersehen, Anton", sagte Margarethe.
 "Ja, bis morgen, ... wie hießen Sie nochmal?"
 "Margarethe."
 "Ach ja, ich kann mir Namen immer so schlecht merken. Also, auf Wiedersehen, Margarethe."
Sie sah plötzlich sehr alt aus. Ihr Lächeln war das einer Hundertjährigen. Sie wandte sich um, und ging auf ihre Haustür zu. Auch Anton drehte sich um, lief durch den Hausaufgang, trat auf die Straße, blieb nocheinmal kurz stehen, sah sich um auf den Hof und ging nach Hause.
 Am nächsten Tag lief er gleich als erstes zum Hausaufgang von Margarethe. Er wartete dort fast die ganze Zeit bis zum Abend, und auch die halbe Ncht schlug er sich um die Ohren. Die darauf folgenden Tage verbrachte er auf diese Weise, doch Margarethe tauchte nicht auf. Die Straße wurde vermüllter, er begann, die leeren Zigarettenschachteln, die Orangenschalen, Plastiktüten, Papier und den ganzen anderen Abfall aufzusammeln und in die Mülltonne im Hof zu bringen. Dann, eines Morgens, sah er, wie Bauarbeiter geschäftig die Einfahrt absperrten, ein riesiger Schuttcontainer nahm die halbe Straße ein, und Raupenfahrzeuge, die gerade so die Einfahrt passieren konnten, bewegten sich langsam, wie zu einem Begräbnis, in den Hof.
 "Was haben Sie vor?", fragte Anton einen der Bauarbeiter.
 "Wir brechen den Klotz im Hof ab."
 "Das können Sie nicht tun. Steht dieser Stall denn nicht unter Denkmalschutz?"
Der Arbeiter lachte.
 "Du stellst Fragen! Das weiß ich doch nicht. Es dient jedenfalls auch einer guten Sache. Innenhofbegrünung. Kapiert?"
Anton wollte gerade sagen, daß in diesem Gebäude ein Mensch verschwunden sei, doch er überlegte es sich anders und schwieg.
 Dann hörte er, wie die ersten Steine fielen und sah, wie sich der Bauarbeiter lachend abwandte.


Berlin Prenzlauer Berg, Februar 1997